Der Saubere Tod by Michael Kleeberg

Der Saubere Tod by Michael Kleeberg

Author:Michael Kleeberg [Kleeberg, Michael]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3423133783
Publisher: DTV Deutscher Taschenbuch
Published: 2013-02-03T16:00:00+00:00


Die Entscheidung, sich von den anderen in der Wohnung fernzuhalten, war Johann schon abgenommen, als er zurückkam, der Arzt hatte bereits angerufen. Daniela und Myra starrten ihn an wie einen Geist, und Sergej verspottete ihn mit dem ungeschälten Reis, den er auf einen Teller kippte, den er in kochendem Wasser abgewaschen hatte, eine Demonstration von Gesundheit, als würde man Pillen gegen ihn nehmen.

Wolfgang stellte ihn zur Rede: Also, was ist jetzt genau mit dir los? Wir möchten nämlich gerne Klarheit haben. Wenn du eine ansteckende Krankheit hast, haben wir verdammt noch mal das Recht zu wissen, woran wir sind.

Frag Barbara, sagte Johann.

Barbara ist nicht da, beharrte Wolfgang.

Barbara ist nie da, was!? schrie Johann.

Barbara hat nun wirklich nichts damit zu tun, sagte Wolfgang. Also, hast du jetzt eine Gelbsucht oder nicht?

Weiß nicht, sagte Johann.

Was soll das heißen? Hier ruft ein Arzt an und fragt, ob du hier wohnst, und du weißt nicht.

Laß mich vorbei, oder ich schlag dir in die Fresse und steck dich an, sagte Johann.

Wolfgang ließ ihn gehen.

Johann saß in seinem kahlen Zimmer. Draußen regnete es. Das ungemachte Bettzeug ekelte ihn. Draußen redeten sie über ihn. Er fühlte sich schmutzig, aber er war zu schwach, nach draußen zu gehen, um zu duschen. Es hätte auch nichts genützt. Der Dreck saß innen. Er hatte ihn mit Schaufeln in sich gefressen, gesogen, geatmet, getrunken. Er hatte sich den ganzen Schmutz, der sich draußen am Straßenrand ablagerte, wie Dreck unter Fingernägeln, in den Arsch ficken lassen. Das war es also, was Frauen so anders machte. So viel ernsthafter, so viel konsequenter, so viel ehrlicher. Sie hatten in ihrem Körper den Schmand, den man ihnen reinspritzte, den Dreck, die Schmiere, das Gift, die Viren, den Haß, die Frustrationen, die Ängste. Die Männer pißten sich aus und pumpten die Frauen mit ihrer Jauche voll, die sie Leben nannten. So war das also. Entweder man spritzte das Leben weg, oder man ließ es sich reinficken. Und man wurde krank davon. Man mußte kotzen davon. Man bekam Dünnschiß davon. Die Knochen taten einem weh. Man wurde schwach. Und die anderen verzogen sich. Sie hatten einen bewundert, weil man lebte, sie hatten einen gewollt, und jetzt ekelten sie sich. Er ekelte sich auch. Er war dreckig, dreckig, dreckig. Das war es also, was auf der Außenseite lag, dort, wo die Lügen und die Kuhwärme und die fette Behaglichkeit und die Langeweile und die Auszehrung der Träume nicht waren: Dreck. So einfach war das also. Dreck war es, der Dreck, den sie nach draußen geschaufelt hatten vor die Türen. Also das war das Leben. In Dreck wühlen, sich den Dreck der anderen reinficken lassen, selber dreckig werden. Desto besser. Nein, nicht besser. Überhaupt nicht besser, denn es war nicht auszuhalten in all dem Dreck, der in ihm steckte und in diesem Zimmer, und keiner kam und half ihm, und er war zu schwach. Er verlangte keine Zuneigung, die doch nicht ehrlich hätte sein können, er brauchte praktische Hilfe. Er war krank.

Anatol hockte in seinem Zimmer, das nur von der Schreibtischlampe erhellt wurde, als Johann eintrat, und sah ihn aus müden Augen an.



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